Mit Fingerspitzengefühl und Ausdauer zum Ziel

Wir haben nachgefragt: Was wurde eigentlich aus Amdya Agouda

Amdya Agouda steht vor dem Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, an dem der Artikel 1 des Gundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – Worte, die der jungen Frau aus Togo, die seit ihrem 13. Lebensjahr in Deutschland lebt, zu denken geben. FOTO: CORNELIA FISCHER

Amdya Agouda steht vor dem Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, an dem der Artikel 1 des Gundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – Worte, die der jungen Frau aus Togo, die seit ihrem 13. Lebensjahr in Deutschland lebt, zu denken geben. FOTO: CORNELIA FISCHER

GELSENKIRCHEN – Bald ist es zehn Jahre her, dass Amdya Agouda für sich entschied, ihre berufliche Perspektive zu verbessern. Bereits 2009 berichteten wir über sie, wie sie sich Schritt für Schritt ihrem Ziel näherte, Krankenpflegehelferin zu werden. Sie nahm an dem Projekt „Achtung: Spracharbeiten!“ der Evangelischen Jugendberufshilfe im Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid teil. Dadurch schaffte es die aus Togo stammende junge Frau, sprachliche Barrieren zu überwinden und die Fachsprache ihres zukünftigen Berufs zu erlernen, um in die Arbeitswelt einzusteigen. Wir möchten darüber berichten, wie es Amdya heute geht und wie sie ihren Weg weiterging. Dafür haben wir sie für ein Gespräch im Kreiskirchenamt wiedergetroffen.

Ein Beruf auf sozialer Ebene

„Ich befinde mich jetzt kurz vor dem Abschluss meiner Ausbildung zur Pflegefachkraft, im November beginnen die Prüfungen“, berichtet die inzwischen 29-jährige. Die Frage, was ihr an diesem Berufszweig gefällt, kann Amdya schnell beantworten: „Während meiner Praktika im Altenheim und in einer Behindertenwerkstatt hat mich fasziniert, dass diese Menschen wirklich sehr dankbar sind. Sie wissen genau, wie es dir geht und welche Art Mensch du bist. Und wenn man auf der sozialen Ebene kein Fingerspitzengefühl hat, kann man diesen Beruf nicht machen.“
Amdya wirkt bescheiden, obwohl sie zu Recht stolz auf ihre Leistungen sein kann. Erst auf Nachfrage, wie es für sie weitergehen wird, erzählt sie, dass ihr bereits ein ambulanter Pflegedienst aufgrund ihrer guten Noten die Übernahme in Aussicht gestellt habe. Im nächsten Frühjahr, wenn sie ihr Examen in den Händen halte, sei ein langer Weg zum beruflichen Ziel geschafft. Dabei ging dieser nie geradeaus und bis heute war die eine oder andere Hürde zu meistern.

Mehr daraus machen und nicht stehen bleiben

Im Anschluss an die Teilnahme des Projekts der Jugendberufshilfe vor neun Jahren hatte sie eine Ausbildung zur Sozialhelferin und verschiedene Praktika absolviert. Darauf folgte ein Bundesfreiwilligendienst im Wichernhaus in Gelsenkirchen, woraus sich die Möglichkeit ergab, dort als Sozialhelferin – wenn auch befristet – zu arbeiten und viele Erfahrungen in diesem beruflichen Umfeld zu sammeln. Sie wagte einen beruflichen Abstecher nach München, da im Ruhrgebiet die Suche nach einer weiteren Anstellung als Sozialhelferin erfolglos blieb. Doch sie wollte nach Essen zurückkehren – die Stadt war zu ihrer Heimat geworden, seit sie als 13-jährige aus Togo nach Deutschland kam. „Anschließend war ich beim Pflegenetzwerk angestellt und als Pflegehelferin für demenziell erkrankte Menschen in einer Wohngemeinschaft in Gelsenkirchen zuständig. In dieser Zeit entwickelte sich der Wunsch, mehr daraus zu machen, nicht stehen zu bleiben, sondern mich beruflich weiterzuentwickeln“, erinnert sich Amdya. Im Jahr 2016 begann sie schließlich die Ausbildung zur Pflegefachkraft, die sie mit den mündlichen Prüfungen im Januar des kommenden Jahres abschließen möchte.

Mit Optimismus der Bürokratie begegnen

„Bis vor kurzem war noch ungewiss, ob ich im November die ersten praktischen Prüfungen überhaupt antreten kann“, sagt sie und zeigt ihr optimistisches Lächeln, das ihr Markenzeichen zu sein scheint. „Aber ich hatte noch Hoffnung, dass alles klappt!“ Seit Oktober letzten Jahres wartete sie darauf, dass ihr seitens der Ausländerbehörde ein wichtiges Dokument ausgestellt wird: die Bewilligung ihres Antrags auf Niederlassung, deren Voraussetzungen sie erfülle, wie sie betont. „Ich weiß, dass die Ämter viel zu tun haben, dafür habe ich auch Verständnis. Ich habe jeden Monat mit einer Antwort gerechnet und wenn ich nachgefragt habe, wurde ich gebeten, mich zu gedulden. Das ist nicht leicht, wenn das Examen und die eigene Zukunft auf dem Spiel stehen und damit alles, wofür ich bis jetzt gekämpft habe“, sagt sie energisch. Hinzu kam, dass in der Zwischenzeit, während sie wartete, ihre Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen war. Ihre Prüfungen darf sie aber nur mit gültigen Dokumenten ablegen.

Daumen drücken für die Zukunft

Doch vor zwei Wochen kam die erlösende Nachricht, dass ihr Antrag bewilligt wird. „Ich dachte schon, für mich steht alles auf der Kippe. Dabei habe ich mich integriert, mich immer bemüht und ich bin bereit, der Gesellschaft dafür etwas zurückzugeben“, sagt Amdya, die schließlich eine der pflegenden Kräfte ist, die von unserer Gesellschaft händeringend für eine gute Versorgung und würdevolle Behandlung pflegebedürftiger Menschen gebraucht werden. Die Erleichterung darüber, dass die Zeit der Ungewissheit vorbei ist und ihre Unterlagen bis zum Prüfungsbeginn vorliegen werden, ist Amdya anzumerken. Ihr sei der Jugendmigrationsdienst des Diakoniewerks eine wichtige Unterstützung gewesen sowie der Kontakt zur Mitarbeiterin der Evangelischen Jugendberufshilfe, den sie bis heute pflegt. „Mir wurde eine Perspektive gegeben und immer gesagt: Du kannst das und du wirst das schaffen! Das ist gut zu hören, gerade wenn die eigene Familie weit entfernt ist. Der Kontakt basiert heute auf Freundschaft und wir tauschen uns über viele verschiedene Themen aus.“

Für ihre Prüfungen drücken wir Amdya fest die Daumen. Auf die Frage hin, was sie sich für die Zukunft wünscht, verweist Amdya auf den ersten Satz des Artikel 1 des deutschen Grundgesetztes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Jedes Mal, wenn sie am Musiktheater vorbei kommt, über dessen Eingang der Satz auf einem großen Banner steht, denkt sie über die Bedeutung der Worte nach. „Das bedeutet für mich: Wenn jemand wie ich, mit Migrationshintergrund und dunkler Haut, nicht diskriminiert wird, sondern genauso gesehen und behandelt wird, wie Deutsche – das wäre schön!“

Hier geht es zu den Artikeln über Amdya Agouda und die Evangelische Jugendberufshilfe:
https://www.kirchegelsenkirchen.de/infos/nachrichten/artikel/fast-durch-das-raster-gefallen/

https://www.kirchegelsenkirchen.de/infos/nachrichten/artikel/einen-sprung-nach-vorne-gemacht/