Mutmacher und Rückenstärker

Pfarrer Dieter Heisig ist in den Ruhestand gegangen

Voll besetzt war die Pauluskirche in Bulmke beim Gottesdienst zur Verabschiedung von Industrie- und Sozialpfarrer Dieter Heisig.

Voll besetzt war die Pauluskirche in Bulmke beim Gottesdienst zur Verabschiedung von Industrie- und Sozialpfarrer Dieter Heisig.

Beim Empfang nach dem Gottesdienst im Gemeindehaus: Mit Frank Baranowski, Oberbürgermeister von Gelsenkirchen (links) hat Dieter Heisig (rechts) zuletzt intensiv am „Gelsenkirchener Appell“ zusammengearbeitet. FOTOS: CORNELIA FISCHER

Beim Empfang nach dem Gottesdienst im Gemeindehaus: Mit Frank Baranowski, Oberbürgermeister von Gelsenkirchen (links) hat Dieter Heisig (rechts) zuletzt intensiv am „Gelsenkirchener Appell“ zusammengearbeitet. FOTOS: CORNELIA FISCHER

GELSENKIRCHEN – Kopfüber in den Arbeitskampf hat er sich bereits als blutjunger Gemeindepfarrer gestürzt. 1982 explodierte der letzte aktive Hochofen des Schalker Vereins und viele seiner Bulmker Gemeindemitglieder verloren ihren Arbeitsplatz. Dieter Heisig engagierte sich für die Betroffenen und merkte schnell: „Da schlägt mein Herz.“ Als dann 1985 das Industrie- und Sozialpfarramt (ISPA) neu besetzt wurde, hat er sich beworben.

Nun geht Dieter Heisig nach 34 Jahren als Industrie- und Sozialpfarrer des Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid in den Ruhestand – offiziell zum 31.12.2019. Die festliche Verabschiedung hat bereits am 11. Oktober stattgefunden, am 15. November hat er den Resturlaub angetreten und damit seine Arbeit beendet.

In den 80er und 90er Jahren war der Strukturwandel überall zu spüren, es waren die Zeiten der Massenentlassungen und der gewerkschaftlichen Gegenwehr. Heisig nahm Kontakt mit den Betriebsräten auf, suchte das Gespräch mit den Belegschaft bei den Mahnwachen vor den Werkstoren, war Mutmacher und Rückenstärker. „Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft“, so hat er das Prinzip seiner Arbeit in Anlehnung an Jesu Wort über den Sabbath (Markusevangelium, Kapitel 2, Vers 27) formuliert.


Als der Kapitalismus durchstartete

Ein Markenzeichen der evangelischen Industrie- und Sozialarbeit waren die „ungewöhnlichen Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten“. Wo Betriebsschließungen drohten, feierte Heisig Gottesdienste: den „Heiligmorgen“ bei Küppersbusch, auf der Berliner Brücke (über Thyssen Draht, die Belegschaft hatte damit die Kurt-Schumacher-Straße blockiert), in einer Tiefgarage (Thema: Wie schnell man nach unten abrutschen kann) oder im Arbeitsgericht (vor dem Saal, in dem die Interessen der Belari-Frauen verhandelt wurden) – und bis heute an jedem 1. Mai zum Tag der Arbeit vor dem Musiktheater. So ist es kein Zufall, dass die Bergleute 1997 beim letzten großen Aufbäumen gegen das Zechensterben selbst auf die Idee kamen, eine evangelische Kirche zu besetzen. Drei Wochen lang war die Apostelkirche in Buer das Zentrum aller Diskussionen rund um Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Entwicklung. Jeden Abend fand eine Andacht statt. „Anfangs hatten wir nur ein paar Stühle in den Altarraum gestellt“, erinnert sich Heisig. „Aber das konnten wir gleich wieder aufgeben, weil so viele kamen, dass der ganze Kirchraum besetzt war.“ Bis heute trägt die Apostelkirche den Ehrentitel „Kirche der Solidarität.“

„Gottes Geist befreit zum Leben – Mammons Geist knechtet das Leben“ – so war das Programm des Industrie- und Sozialpfarramtes Gelsenkirchen beim Kirchentag im Ruhrgebiet 1991 überschrieben. Das klingt heute geradezu prophetisch – und aus der Sicht des ISPA-Pfarrers ergeben sich spannende Perspektiven. „Bis 1989 musste sich die Bundesrepublik in Konkurrenz zur DDR als das bessere System erweisen. Dazu gehörte auch, dass niemand ‚ins Bergfreie fiel‘ und Kündigungen durch Sozialpläne oder Abfindungen ‚abgefedert‘ wurden. Mit der Wiedervereinigung hatte das System ‚Kapitalismus‘ endgültig gewonnen – und startete so richtig durch.“

Der nächste große Schritt in den „neoliberalen Marktradikalismus“, so Heisig, kam 2004: Die Hartz-IV-Gesetze. „Die Sicherheiten der sozialen Marktwirtschaft wurden geschleift, das ökonomische Risiko auf den Einzelnen verlagert.“ Heisig gründete die „Hartz-IV-Selbsthilfegruppe“, die sich bis heute alle zwei Wochen im Kreiskirchenamt trifft. Ein nicht beabsichtigter Nebeneffekt: Wenn sie könnten, gäben sich die Journalisten hier die Klinke in die Hand. Selbst die New York Times war schon da. „Aber die Gruppe hat ein gutes Gespür dafür entwickelt, ob Einzelne vorgeführt werden sollen oder ob ein echtes Interesse an ihren Schicksalen besteht.“


Hartz IV und der Verlust von Vertrauen

Für den Pfarrer hat seit Hartz IV die Nachfrage nach seelsorglichen Gesprächen rapide zugenommen. „Was gerade Langzeitarbeitslosigkeit mit den Menschen macht, kann nur beurteilen, wer ständig mit ihnen im Kontakt steht.“ Hartz IV, so erlebt er es täglich, macht die Menschen kaputt, sie ziehen sich zurück und verlieren ihre sozialen Kompetenzen. „Man wird komisch“, so hat es kürzlich ein Betroffener formuliert. Zudem: „Die Menschen haben das Vertrauen in die Institutionen verloren: die Parteien, die Gewerkschaften.“

Ob in der Seelsorge, in Zusammenarbeit mit Betriebsräten oder bei Gottesdiensten, Heisig hat sich immer dafür eingesetzt, dass die Wirtschaft den Menschen dienen solle und nicht umgekehrt. „Ich bin froh, dass das Prinzip ‚Jeder denkt an seinen Vorteil und damit ist allen geholfen‘ jetzt endlich wieder infrage gestellt wird – und zwar von einem völlig anderen Packende her. Was derzeit in der Klimafrage diskutiert und gefordert wird, wäre vor 30 Jahren als ‚antikapitalistisch‘ gebrandmarkt worden.“

Für seinen Ruhestand schiebt der 65-Jährige derzeit noch ein paar Bausteine hin und her: Ein Mix aus kirchlichen und weltlichen Ehrenämtern soll es werden. Und seinem Hobby will er mehr Zeit widmen. Das ist die Eisenbahn – nicht als Modell, sondern die richtige, die auf Schienen nicht nur in die Weite führt, sondern auch auf abenteuerliche Umwege. Und vielleicht erfüllt er sich einen zweckfreien Traum: den Ehrenlokführerschein. „Auf Rügen kann man ihn erwerben“, so viel weiß er schon.